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Von der Kunst des Weglassens, Teil 3

Von der Kunst des Weglassens, Teil 3

Du nimmst ein Bild in Augenschein. Es ist eine Fotografie eines beliebigen Menschen. Was erkennst du? Siehst du etwas von der Statur des Körpers? Was von diesem Menschen ist abgebildet? Nur das Gesicht, zusätzlich noch die Haare, oder sind sie unter einer Kapuze verborgen? Siehst du die Kleidung oder ist der Mensch unverhüllt? Wenn du Kleidung siehst, bedeckt sie den ganzen Körper? Oder beschränkt sich das Bild auf die Darstellung des Oberkörpers? Wenn du Kleidung siehst, zeichnet sich die Statur des Körpers dennoch darunter ab oder verwischt sie jegliche Kontur?

 

Was erblickst du noch, außer dem Portraitierten? Ein Setting, das in Bezug zur Person steht oder eine Umgebung, die dir willkürlich erscheint, deren Verbindung zum Motiv, zum Menschen dir Rätsel aufgibt? Was empfindest du beim Studium der Aufnahme? Welche Gedanken und Gefühle löst sie in dir aus? Erzeugt sie Zustimmung oder Ablehnung, wendest du dich schnell ab, blätterst verstört weiter oder nimmst du sie deutlicher wahr? Erzeugt sie dadurch eine positive Wirkung? Wirkt sie auf eines deiner archaischen Zentren, löst ein Gefühl von Belohnung aus, lässt dich dieses Gefühl genießen, weidest dich daran und lässt es gerne zu?

 

Was macht das Bild aus? Ein Portrait bedeutet ein Bild eines Menschen. Erkennst du darauf das Gesicht des Menschen oder ist es mit dem Halbdunkel verwoben? Zeigt es die Person im Profil oder entzieht sich das Gesicht deinem Blick, bleibt anonym und führt damit das Portrait an den Rand der Bedeutung. Gibt es überhaupt eine übergreifende Bewertung, eine allgemeingültige Bestimmung von Kriterien, die aussagekräftig ein Bild einordnen? Kunstwerke werden seit je her kritisiert. Altbekanntes immer wieder neu zu präsentieren scheint ein ewiger Kreislauf zu sein. Mal ist etwas modern, danach nicht mehr, irgendwann erneut.

 

Ein Portrait bleibt ein Portrait. Von einer puren Gesichtsmaske bis hin zur opulenten Komposition, eine Person bildet das Motiv. Tritt ein Hintergrund in Konkurrenz zum Motiv, so bekommt der Betrachtende eine anstrengende Aufgabe, die er möglicherweise nicht in der Lage ist zu bewältigen. Das Bild hat verloren. Bietet es zu wenig Spannung, fällt es durch das Aufmerksamkeitsraster des Betrachters. Es verliert ebenso. Gilt es also eine Balance zu finden, auszuloten, bis wohin es in welcher Weise auf wen wirkt. Doch der Künstler, das beschrieb ich bereits hier, fertigt sein Werk aus sich heraus, nicht als Auftragsarbeit. Will er aber sein Publikum erreichen, gilt es eine Zwiesprache zu halten.

 

Ein Portrait bleibt ein Portrait. Ein Blick eines Portraitierten kann unendlich viele Gefühle erzeugen. Auf einige Ausdrücke reagieren wir Menschen automatisch, ohne uns dies bewusst zu sein, andere analysieren wir genauer. Wie ein Portrait wirkt, hängt vom Ausdruck des Menschen ab, ist er interessant, so entstehen viele Eindrücke. Spricht uns, das heißt, sprechen die Bilder unsere momentane Verfassung und Gefühlslage an, findet eine Begegnung statt. Viele Bilder übersehen wir, ob der Flut der Fotos oder der stetig sinkenden Güte derselben, aber einige erreichen unsere Aufmerksamkeit. Das, weil wir in diesem Moment die Botschaft ins Bild legen, die wir suchen. Ob sie so gemeint war, spielt keine Rolle. Da wir stets auf der Suche nach einer Erfüllung unserer Wünsche und Bedürfnisse sind, finden wir, wonach wir suchen. Für den einen ist es das Portrait der Kindfrau, für den nächsten das Gesicht des alten Bergbauern, für wieder andere der Körper(teil) des Models. Schönheit ist zwar nicht Ansichtssache, aber eine definierte Wirkung wird auf jeden Menschen individuell ausgeübt.

 

Gibt es ein Fazit? Weniger kann mehr sein, aber auch zu wenig, wenn Aufmerksamkeit in mehrere Richtungen erzeugt werden soll. Von der Wirkung einer Kunst reicht tatsächlich ein einziges Auge als Portrait eines Menschen, das unter einer Kapuze, einer Decke hervor blickt, das so viel Spannung erzeugt, um den Betrachter in seinen Bann zu ziehen. Manchmal sind es zwei Augen, manchmal Augen und Nase oder Teile des Gesichts, die so erfüllt sind von Kraft und Ausdruck, dass kaum ein Betrachter sich der Wirkung entziehen kann. Geht man nach der Beachtung, die bisherigen Kunstwerken geschenkt wird, so liegt der Anteil der reinen Gesichtsportraits weit vorn in der Gunst der Besucher. Das Tagwesen Mensch, als zutiefst visuelles Wesen, der seine Hauptimpressionen über sein Auge erfasst, tritt auch mit diesem in erster Linie in Kontakt. Spannende Betrachtung, finde ich.

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