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Von der Kunst des Weglassens, Teil 2

Von der Kunst des Weglassens, Teil 2

Weniger ist mehr! Trifft das auch in der Fotografie zu? Einfaches Design wird zum Klassiker, zeitlos und über jeden Geschmack erhaben. Gestern wurde das nachweislich letzte Gemälde von Leonardo da Vinci, sein Jesus-Portrait, für die bisher unerreichte Rekordsumme von 450.000.000 Euro (Vierhundertfünfzig-Millionen) verkauft. Ein Portrait eines Malers, der in Armut starb.

Ein relativ einfaches Portrait. Nicht viel mehr, als einige Accessoires und Kleidung zeigt das Bild, alles andere ist Gestik und Mimik, Licht und noch mehr Schatten, sowie Farben. Gilt dies als Beispiel für eine Art Minimalismus, wie auch "Mona Lisa" aus der Sicht da Vincis erstellt wurde?

 

Ein berühmter Fotograf vertrat die Ansicht, dass ein Bild schlecht geraten war, weil noch nicht genug weggelassen wurde. Ein anderer sagte: Ist Dein Bild nicht gut genug, warst Du nicht nah genug dran. Wie übertrage ich diese Ansichten auf die Fotografie von Menschen? Wie binde ich die Devise von "Weniger ist mehr" in eine fotografische Arbeit ein? Der französische Maler Thomas Couture (1815 - 1879) sagte: "Vor allen Dingen seid bescheiden: in der Malerei gibt Bescheidenheit die größte Kraft." Ist ein Blick, ein Auge allein als erster und prägnantester Blickpunkt eines portraitierten Menschen ausreichend und hat die Voraussetzungen für einen Klassiker? Einige Fotografien mehr oder weniger bekannter Fotografen auf diversen Plattformen im Internet deuten dies an, wenn man die Zahl der "Likes" als Indikator zugrunde legt.

 

Gehe ich davon, ohne eine genauere Überprüfung durchgeführt zu haben, aus, so stellt sich die anschließende Frage, in wie weit der Blick, die Aussage des Blicks, die Interpretationsmöglichkeiten für den Blick die Entscheidung beeinflusst. Geht jeder Blick? Funktioniert es bei jedem Gesicht? Spielt schon die Form des Auges eine Rolle? Ist das Alter des Portraitierten ausschlaggebend? Sind Wimpern und Augenbrauen Elemente mit Einfluss auf unser Urteil? Ist es allein die Stimmung, die im Blick des aufgenommenen Menschen für Zustimmung oder Ablehnung im Betrachter sorgt, für eine Empathie, die die vielleicht entscheidenden Gefühle in uns auslöst? Stimmung kann viele Saiten spielen. Was zählt in einem Bild? Eine genau bestimmbare Emotion? Oder kann es undifferenziert sein, vage, eine weit zu interpretierende Mimik, vielleicht wie Mona Lisa?

 

Was spricht wen in welcher Situation in welcher Weise an? Welche Aussagen bewegen? Wie darf, soll, muss ein Blick sein? Traurig, melancholisch, trübe oder lustig, vergnügt, heiter? Vielleicht lasziv, sexy, provokant oder unschuldig, verletzt, hilflos? Lieber stark, unabhängig, heroisch oder weise, klug, in sich ruhend? Die Leistung eines Models ist überaus bedeutsam, wenn es solche und viele weitere Emotionen mimisch wiederzugeben in der Lage ist, was nur sehr vereinzelt der Fall ist. Für ein einzelnes Bild ist es authentisch, wenn ein Mensch auf dem Portrait eine dieser Eigenschaften verkörpert, dann funktioniert aber auch nur diese eine, selten mehr. Das nur am Rande.

 

Was wirkt nun, wenn es über den Blick, mit dem Auge als nur eine Quelle der Emotionen, hinaus die Gesichtsmuskeln sind, in Kombination mit dem Mund, als zweitwichtigstes Element der Mimik. Viele Kombinationen von Emotionen über Auge und Mund auf einem Bild sind möglich. Dabei geht es von widersprüchlich über neutral oder gleichbedeutend bis hin zu übertrieben, jede Nuance kann die Aussage verändern.

 

Zurück zum Ausgangspunkt: wenn es mehr als nur ein Gesicht ist, das auf einer Fotografie abgebildet ist, welchen Mehrwert, welche zusätzliche Aussage begleitet die Idee? Sehr viele Fotografen zeigen eine tolle Location, das Naturschöne kommt zum Portrait hinzu. Oder eine Bildidee fordert eine bestimmte Kleidung. Dadurch wird mehr als nur ein Gesicht vom Körper des Menschen gezeigt. Ich klammere hier ganz bewusst jede Art von Fashion oder Glamour aus, dabei spielt der Mensch nur eine untergeordnete Rolle, solange Maße, Symmetrie und Proportionen passen. Mir geht es hier um künstlerisch orientierte Fotografie, aber das dürfte klar sein. In welchen Fällen ist nicht weniger mehr, wann kann mehr mehr sein? Hin und wieder ist es sicher zutreffend. Dazu mehr in Teil 3 dieses kleinen Essays.