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Von der Kunst des Weglassens, Teil 1

Von der Kunst des Weglassens, Teil 1

Üblicherweise trifft ein Bild eine Aussage. Es zeigt etwas, das der Fotograf wert erachtete festzuhalten und zu präsentieren. Bei einem Portrait einer Person ist es der Mensch vor der Kamera, mit seinen Besonderheiten, seinen Formen und Proportionen, seinen Gesichtszügen und seiner Kleidung, zurecht gemacht oder natürlich, sein Ausdruck. Bei einem Ganzkörper-Portrait ist mehr vom Menschen zu erkennen, als beim klassischen Portrait, auf dem hauptsächlich das Gesicht abgebildet wird. Der Mensch als visuelles Wesen unterliegt trotz viele Jahrtausende andauernder Entwicklung noch immer rudimentären Reizen und Trieben, nach denen er handelt, beziehungsweise denen er in jeder erdenklichen Weise folgt.

 

Auch bei der Betrachtung einer Fotografie ist es nicht verwunderlich, dass ihr ein großes Maß an Aufmerksamkeit geschenkt wird, wenn eine solche die allseitig bekannten Schlüsselreize anspricht. Bei einem Portrait gilt das Auge des Portraitierten für den Menschen als wichtigster Part. Jedoch nicht nur die Augen, auch andere Partien des Gesichts und des Körpers weisen diese Auslöser für diese Empfindung im Betrachter auf. Sind sie erkennbar, oder werden sie vielleicht sogar etwas überzeichnet, so ist die Aufmerksamkeit nahezu garantiert. Nicht, dass die Aufmerksamkeit nicht auch schnell wieder abebbt, aber zunächst wirken die Reizinformationen unweigerlich auf unsere Rezeptoren.

 

Nun ist es aber so, dass der Mensch nicht unendlich viele Impressionen gleichzeitig oder kurz hintereinander aufnehmen kann. Er ist schnell überfordert, wenn sein Filtersystem nicht mehr in der Lage ist, die Flut an Informationen zu verarbeiten. Als Folge kommt es -wiederum reaktiv und intuitiv- zu einer Verweigerungshaltung, die, ganz klassisch, entweder in Flucht oder Angriff mündet. (Natürlich kommt hin und wieder eine Übersprunghandlung vor.)

 

Wie äußert sich das im Felde der Portraitfotografie? Es gibt das Foto. Auf diesem ist ein Bildnis eines Menschen zu erkennen. Findet das Auge nun zu viele Informationen in diesem Portrait, kommt das Gedächtnis nicht damit zurecht, es wird versuchen, zu sortieren, zu gruppieren, abzuwägen, auszuschließen. Bei einer Überforderung aber wird sich der Mensch schnell abwenden. Er betrachtet ja Fotografien, um sich zu vergnügen. (Außer bei journalistischen Hintergründen) Überforderung bereitet jedoch dem Mensch nur seltenst Vergnügen. Damit verweigert er sich mehr oder weniger offen diesem Werk.

 

In der Lehre der Fotografie wird häufig die Zahl drei genannt, wenn es um Elemente im Motiv einer Aufnahme geht. Auf höchstens fünf sollte demnach ausgedehnt werden, dies jedoch nur als Ausnahme. Eine größere Anzahl überfordere den Betrachter schnell und ein Foto verlöre so die Aufmerksamkeit. Gehe ich von dieser Vorstellung einmal aus, so stellt sich bei jedem Portrait erneut die Frage, wie viel möchte ich einschließen, was darf ich weglassen, was auf keinen Fall und welche Wirkung möchte ich überhaupt erzielen, welche Aussage gedenke ich zu treffen.

 

Abgesehen von der Tatsache, dass es für den Betrachter von viel größerer Bedeutung ist, welchen Gesichtsausdruck er erkennt, kann das "Drumherum" beeinflussen - mal mehr, mal weniger. Um das "weniger" dreht sich meine Frage, wie wenig ist "weniger". Als ich in Italien mein Model in die Brandung stellte und wir sage und schreibe 2 Stunden auf die "richtige" Welle warteten, unzählige Brecher vorher nicht DAS Bild ergaben, fragten wir uns schon, ob das "Drumherum" so viel der Bildaussage hinzufügen konnte, oder ob nicht weniger auch mehr sein könne. Es kommt drauf an. Ist ja kein Portrait mehr, sagte sie. Ja, stimmt. Was wollten wir also?

 

Mir gefallen immer wieder Aufnahmen, auf denen nur die Augen zu sehen sind, noch Haare, vielleicht eine sinnvoll eingebaute Hand, Kapuze, Lichtstimmung, das reicht. Manchmal sind es auch Ganzkörper-Portraits. Mit Verkleidung, Makeup, Backlight, usw., es ist viel aufwendiger. Die Frage, die sich bei meinen Portraits immer wieder aufdrängt, ist, ob nicht weniger reichen würde. Worauf kommt es schließlich an? Dem gedanklich näher zu kommen, folge ich in Teil 2 dieses Beitrags.