Kannst Du Deinen Augen trauen?

Kannst Du Deinen Augen trauen?

Richtest du einen kurzen Blick auf das Bild, was erkennst Du? Nicht schwer, oder? Oder doch?

 

Was ein Betrachter auf einer Fotografie erkennt, ist ersichtlich, oder? Er sieht, was abgebildet ist. Er erkennt, was er sieht und sein Geist ordnet ein, trennt Motiv vom Hintergrund -hoffentlich hat es der Fotograf verstanden, die Prioritäten zu setzen- und der Betrachter blendet all das aus, was nicht von Bedeutung für ihn ist. Er erkennt Punkte und wenn vorhanden, möglicherweise Linien, welche horizontal beruhigend, vertikal energetisch oder diagonal aufwühlend sein können. Er erkennt Farben und Komplementärfarben, blau-beruhigendes, rot-belebendes oder grün-vertrauensvolles. Er differenziert nach Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund, wenn diese Ebenen auf der Fläche des Fotos sich überhaupt voneinander abheben. Vielleicht erkennt er Dynamik und Statik, es ist vielleicht eine Bewegung im Bilde wahrzunehmen. Manchmal trennte der Fotograf sein Motiv vom Hintergrund durch eine Unschärfe, dann kann der Betrachter Unscharfes von einem klarem Motiv unterscheiden.

 

Ist der Betrachter als Adressat für ein Kunstwerke eine vollkommen vom Künstler losgelöste Person? Ein Kunstwerk, auch in Form einer Fotografie, ist zunächst losgelöst vom Erschaffer zu sehen. Es spricht seine ganz eigene Sprache. Auch wenn der Künstler in seinem Werk seine Handschrift noch so genau verewigt hat, im Moment der Entdeckung durch den Betrachter nimmt dieser nur jenes wahr. Was er sieht, was er versteht, dessen Sprache er mächtig ist, kann er aufnehmen. Die Töne spürend, die durch die Schwingungen des Kunstwerkes in ihm seine Saiten berührt, diese vernimmt er.

 

Nicht immer korrespondieren Botschaft und Nachricht, Aussage und Statement, Gefühl und Idee zwischen Urheber und Konsument mittels Werk. Wozu aber fertigt der Künstler sein Werk? Wozu betrachtet der Besucher ein Werk? Zwischen zufälligem Blick und gezielter Suche, zwischen öffentlicher Publikation und ausgestelltem Werkstück, zwischen Massenware und ausgesuchter Präsenz sucht ein Werk die Betrachter anzusprechen. Es strebt nach Aufmerksamkeit, einen Weg in das Bewusstsein desjenigen sich bahnend, der hinsieht. Wie weit reichend es verstanden wird, letztendlich akzeptiert wird oder nicht, kann tatsächlich davon abhängen, in wie weit ein Werk allgemeingültigen Wertvorstellungen entspricht oder nicht.

 

Ist wahre Kunst ausgenommen vom potentiellen Adressaten? Interessiert den wahren Künstler nicht im Geringsten, wie ein Werk wahrgenommen wird? Ist es ausschließlich ein Abbild seiner inneren Idee, ohne einen Bezug auf einen möglichen Betrachter zu nehmen, beziehungsweise an einen möglichen Adressaten auch nur zu denken? Oder fertigt der Künstler seine Kunst nur für ein gezieltes Publikum an? Ist es dann noch Kunst? Eine immer wiederkehrende Frage, ungelöst und vielfach beantwortet.

 

Eine Fotografie dokumentiert, bildet Vorhandenes ab. Sie gibt einen Ausschnitt aus Sichtbarem wieder. Was sie aber wie präsentiert, ist nicht immer gleich erkennbar und bedarf des Öfteren einen zweiten Blick. Die Fotografie hier im Beitrag zeigt ein Spiegelbild einer jungen Frau. Eine Wasserstelle mit Herbstlaub, welches wie zu schweben scheint, diente als Spiegelfläche. Dadurch wird das Fotomodel spiegelverkehrt abgebildet, auch der Baum im Hintergrund, dessen Ast die Form des Menschen so schön umschließt, ist eine Spiegelung. Verkehrt herum, und doch einer klarer Aussage fähig: Ein Model sitzt angelehnt an einer Stufe, schützt die Augen vor der Sonne und schaut herüber. Entspannt an einem Herbsttag in der urbanen Natur im noch wärmenden Sonnenschein relaxen, genießen, einfach sein, nichts Spektakuläres erfährt der Betrachter hier. Das Bild ist nahezu unbearbeitet außer einem Beschnitt, sowie die Schatten wurden etwas aufgehellt.

 

Damit trennen sich Realität und Fiktion, Wirklichkeit und Erlebtes (zusammen und im Prinzip) nicht. Es existiert kein Unterschied in der Bildaussage, denn es ist zunächst nicht von Bedeutung, ob es ein Spiegelbild ist, oder nicht. "Mensch draußen in der Natur im Herbst". Nur die an der Wasseroberfläche schwimmenden Blätter geben einen vagen Hinweis auf eine besondere Situation, die dem aufmerksamen Betrachter etwas mehr zeigt und vielleicht einen Denkprozess anregt und Neugier erweckt. Wenn ein Bild etwas aussagen soll, etwas über das Alltägliche hinaus, etwas, was es Wert wäre, zu zeigen, zu sagen, "Schau mal hier, ist es nicht eine ganz leicht andere Art und Weise die Dinge zu sehen?", erweitert es auf diese Weise den eigenen Horizont? Bleibe lieber ungewöhnlich!