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Der weiße Wolf - Guardian of the Elves

Der weiße Wolf - Guardian of the Elves

Fotografie als Flucht aus dem Alltag?

 

Kann meine Fotografie eine Suche nach dem Schönen sein, weil mich das schnöde Alltägliche alltäglich umgibt? Bedeutet das Erstellen eines Lichtbildes eine Identifikation mit der Idee des Inhalts? Für mich gibt es im Alltäglichen viel Schönes! Der morgendliche rote Himmel, so gestehe ich hier, fasziniert mich nach all den Jahren noch immer. Gleichsam die blühende Wicke an des Nachbars Gartenzaun mich mit ihren Blüten jedes Jahr auf's neue bezaubert.

 

Bilder bestimmter Machart erfreuen mich, wenn ich sie betrachten darf. Das ist ganz unabhängig davon, wer sie fertigte. Öffne ich das weltweite Netz, suche die entsprechenden Quellen auf, blättere in ihnen, finde dabei immer mal wieder ein Bild, das mich zum verweilen einlädt, so mache ich das sehr gerne. Früher suchte ich andere Marktplätze auf. Eine Buchhandlung, zum Beispiel, oder eine Bücherbörse, den Berliner Buchmarkt am Bodemuseum, den Düsseldorfer Trödelmarkt am Aachener Platz oder die Bouquinisten am Pariser Seine Ufer.

Ob es dann ein Bildband von David Hamilton, eine Ausgabe der französischen Zeitschrift "Lui" oder der "Photographie", sogar hin und wieder eine Ausgabe der Modezeitschrift "Marie Claire", ein Buch von Andreas Feininger oder Michael Gnade war, das mich inspirierte, es war fast immer etwas gedrucktes. Diese Bücher besitze ich noch heute und sehe manche davon immer wieder mal durch.

 

Diese Quellen der Inspiration existieren weiter, nur das www macht es einem vermeintlich leichter, mal eben so, nebenher, wo auch immer, wann auch immer, sein Smartphone, Tablett oder Rechner zu aktivieren, und "Bildchen" zu gucken. Unzählige Plattformen buhlen um unsere Aufmerksamkeit. Ob Pinterest oder WeHeartIt als Kataloge, ob Flickr oder 500px als Fotoalben der Fotografierenden, ob Facebook oder Google+ als Social Media Fotoansammlungen oder Fotocommunities wie die fc oder Instagram, überall können wir Bildchen angucken, noch und nöcher. Instagram schafft es dabei sogar verschiedene Konzepte auf einfache und sinnvolle Weise zu verbinden, das nicht mal schlecht, wovon die fc noch meilenweit entfernt ist.

 

Doch warum schrieb ich oben "vermeintlich leichter"? Es geht tatsächlich um etwas Dramatisches. Man könnte es unter dem Begriff "Schule des Sehens" erfassen. Ein Foto, das in ein Buch aufgenommen wird, durchläuft gemeinhin einige mehr oder weniger strenge "Filter". Ob und wie sinnvoll diese sind, welchem Zweck sie dienen und ob sie stets gerechtfertigt sind mag hier als nebensächlich abgetan werden. Allein die Anwendung dieser Filter führte dazu, dass meist eine gewisse Qualität der Bilder zu erkennen war. Das ist im www deutlich anders. Jeder, auch du und ich, kann jedes Bild veröffentlichen. Ungeachtet jedweder Güte oder Idee hinter einer Fotografie kommt alles für jedermann und jederzeit verfügbar an die Öffentlichkeit.

 

Der Mensch ist grundsätzlich und in erster Linie ein zutiefst visuelles Wesen. Unser Sehsinn ist die stärkste Kraft unserer Sinne. Sie löst die intensivsten Emotionen aus und sie ist es auch, die, durch unsere angeborene Neugier, die überhaupt erst eine Entwicklung des Menschen ermöglichte, immer nach neuen Eindrücken sucht. Zeigt sich dem Menschen immer das gleiche Bild vor Augen, so kommt es zu einem unvermeidlichen Automatismus: wir sehen es irgendwann nicht mehr.

 

Und hier liegt die Krux: Die Schule des Sehens läuft immerzu fort und die Inhalte, der Lehrstoff, der uns Schülern des Lebens geboten wird, entscheidet über unsere Bildung und Zukunft. Wie viele Fotos scrollen wir durch, nehmen wir wahr, sortieren wir aus, um solche zu finden, die uns ansprechen? Was passiert mit uns, während wir all jene Bilder durchblättern, jene hunderte auf all den oben genannten Plattformen und anderen nichtgenannten, die wir vielleicht täglich besuchen; checken, ob neues gepostet wurde und klicken auf Links, über die wir benachrichtigt wurden, dass etwas neues online ist?

 

Wie verändert sich deine Wahrnehmung, in welcher Klasse der Schule des Sehens bist du angekommen?