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Wohin Du gehst. (Teil 2)

Wohin Du gehst. (Teil 2)

"Wenn ich fotografiere, dann tue ich das, um etwas auszudrücken.", sagte unlängst eine befreundete Fotografin zu mir. Ich wollte beipflichten, dachte noch einen Moment nach und fragte vorerst ohne zu antworten zurück: "Zumindest dann, wenn es Dir um bewusste Aufnahmen geht, die Du um ihrer selbst anfertigst, die Du fotografierst, um einer Idee, einem Gefühl Ausdruck zu geben?" Sie überlegte einen Moment und entgegnete mir:

 

"Was glaubst Du sehe ich, wenn ich ein Bild im Kopf habe, das ein Gefühl ausdrücken könnte? Eine Idee, welche ich gerne in ein Bild transportieren möchte, das ich danach plane und aufnehmen möchte?" Wir sprachen noch etwas länger darüber. Mich brachte es einige Tage darauf noch immer ans Denken.

 

Ich betrachte zwei meiner Bilder. Ein Bild, das ich vor Jahrzehnten aufgenommen habe und eines, das erst ein paar Wochen alt ist. Bei beiden Bildern handelt es sich um ein Portrait. Auf beiden Bildern bat ich die jeweilige Person einem Gefühl Ausdruck zu geben, das ich mit Worten wie melancholisch und vertraut, unnahbar und frei, verloren und aufrührerisch umschrieb. Das ältere der beiden Bilder erinnert mich ganz deutlich an den damaligen Moment, als wäre es gestern gewesen, jenen Augenblick der Aufnahme, und den Menschen in diesem Moment. Das Neuere ist noch ganz bewusst.

 

Sagt es nun etwas aus, wenn sich die Ideen hinter den beiden Aufnahmen sehr ähnlich anfühlen? Was meint es, wenn sich in all den Jahren die Suche nach DER Aufnahme vermeintlich immer noch ähnelt? Ist es noch immer die Sehnsucht nach einer besonderen Art der Darstellung, die einem tief innewohnenden Gefühl Rechnung tragen will?

 

Vielfach wird von einer stetigen Entwicklung im Werk eines kreativen Menschen gesprochen. Abgesehen von der Steigerung der technischen Qualität, die teilweise an der Ausrüstung, vor allem aber der Beherrschung der Möglichkeiten aller Werkzeuge liegt, bedeutet für mich die Entwicklung in meiner Fotografie eine gefühlt immer "richtigere" Wiedergabe der Emotion, die meine Idee und der Idee des Menschen vor der Kamera meint.

 

Da sich die eigene Wahrnehmung im Laufe der Zeit immer wieder verändert, verändert sich auch die Art der Arbeit. Wie erklärt es sich, dass eine Arbeit von vor vielen Jahren problemlos in die Gegenwart übernommen werden kann? Ein Bild bringe ich fast unauffällig ins Portfolio und nur wenigen fällt es auf. Kann es eine Frage des Stils sein? Kann es sein, dass es sich auf die Idee und die Verwirklichung dieser Idee bezieht? Kommt man nach vielen Ausflügen in andere Genres, in andere Arten der Abbildung immer wieder zurück zu dem, was einen wirklich bewegt? Das könnte der Lösung recht nahe kommen. Abschließend möchte ich das in Teil ⚂ beantworten.