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Wohin Du gehst. (Teil 1)

Wohin Du gehst. (Teil 1)

Was sehe ich? Was will ich sehen. Warum?

 

Mit einigen Jahrzehnten Lebenserfahrung hat der Mensch vieles gesehen. Dinge wiederholen sich beständig, Neues wird zunehmend weniger. Unabhängig davon erhalten sich die Menschen mehr oder weniger von ihrer ursprünglichen jugendlichen Begeisterungsfähigkeit. Es ist überall und allgemein die Rede davon, dass sich die Mehrheit der Menschen mit zunehmender Erfahrung und Kenntnis des Lebens immer weniger für ihre Impressionen in der Alltäglichkeit begeistern können, ja dass es gerade die einfache Aufmerksamkeit an sich ist, die eine scheinbar immer höhere Schwelle hat, ab der diese Dinge des Lebens in das Bewusstsein des Beobachters treten.

 

Was aber geschieht, wenn dies plötzlich bewusst wird? Kann es einerseits nur zum Teil bewusst werden und man setzt diesen Part vollständig in Beziehung zu sich selbst, oder auf der anderen Seite durchschaut man die Situation ganz und gar, und dennoch reagiert man danach nur partiell, mindestens aber in vermindertem Maße darauf und lässt den Rest einfach nur geschehen?

 

Wie setzen wir diese Sichtweisen in Beziehung zu unserem sozialen Umfeld? Gilt eine Person, die sich an vermeintlich kleinen Dingen des Lebens erfreut als infantil? Orientieren wir uns vorsichtshalber an einem gemeingültigen Usus, um nicht eine Wahrnehmungsstörung bei unseren Mitmenschen auszulösen, die uns folglicherweise ein Stück weit von der Gemeinschaft isolieren könnte? Ist es ein Bild der Gesellschaft, das sich nur deshalb so abzeichnet, weil sich gerade jeder so verhält, wie er meint, dass es erwartet würde und dass wir eine viel offenere Gemeinschaft bilden könnten, würden wir uns mehr so verhalten, wie wir tatsächlich sind? Klar, oder?

 

Nun zur eingangs gestellten Frage. Was möchte ich sehen? Ich fotografiere. Seit fast 40 Jahren. (Viele meiner Leser sind nicht einmal so alt 😊. Wobei das Alter nur relativ ist, viel wichtiger ist ein Verständnis über eine Sache oder ein Gefühl und dabei kann ein junger Mensch durchaus weiter sein als ein älterer.) Ich kann die Bilder betrachten, die ich einst im Keller noch selbst entwickelt und vergrößert habe und sie neben jene halten, die an meinem 4K Monitor flimmern. Wo ist der motivische Unterschied? Ist da tatsächlich einer vorhanden? Du kannst es nicht sehen, du sitzt nicht hier neben mir und schaust. Dir fehlte natürlich die Erinnerung an die Situation von damals und heute, doch du sähest als Unbefangener die puren Bilder, den Ausdruck der Menschen und den Moment im Bild, du spürst die Wirkung der Aufnahmen auf dich und die Empfindung, die jedes einzelne der Bilder in dir auslöst.

 

Die gleiche Frage stellte sich vielleicht einst dem Maler, der im hohen Alter noch das Portrait der jungen Herzogin zeichnete und sich an seine Anfänge erinnerte, zu denen er die Großmutter der jungen Herzogin in gleichem Alter zeichnete. Was ist der Unterschied im Motiv, wenngleich seine Technik sich sicher meisterlich entwickelte? Aber das Motiv? Bis heute ein Portrait mit möglichst positiven Eigenschaften?

 

So ist die spannende Frage nicht zu beantworten und sie verlangt nach einer differenzierteren Fragestellung. Nur so komme ich einer Auflösung näher. Das folgt in Teil ⚁.