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Posing 10: Gesicht und Körper

Posing 10: Gesicht und Körper

Ab wann ist ein Portrait ein Portrait? Bis zu welcher Darstellungsform gilt ein Menschenbildnis als Portrait?

 

Auf einem Bild ist ein Mensch zu sehen. Ab wann erkennen wir einen Menschen, wie viel von der Person muss zu sehen sein, damit wir einen Menschen als solchen erkennen können? Spezifische Körperteile sind markant genug, um den richtigen Schluss zu ziehen. Bodyparts und sogenannte CloseUps sind Bilder solcher Ausschnitte des menschlichen Körpers, auf denen nur ein bestimmter, oft kleiner Ausschnitt in Nahaufnahme zu sehen ist. Manchmal befindet sich der Körper im Halbdunkel verborgen oder wird nur angedeutet, weist damit eher vage auf die Situation hin, in der er sich befindet. Vieles ist dabei der Phantasie des Betrachters überlassen, seiner Vorstellungskraft oder etwas trivialer ausgedrückt nennen es manche, obgleich es für mich doch unterschiedlich in der Bedeutung ist, "Kopfkino".

 

Auf der anderen Seite dieser Art der Aufnahmen kannst du Ganzkörperaufnahmen betrachten. Du siehst auf einem Bild einen Menschen, seinen gesamten Körper, manchmal sein Gesicht, manchmal bleibt dies aber vor unserem Blick verborgen. Sieht man das Gesicht nicht, sucht der Betrachter nach Hinweisen, die sein Verständnis für diese Aufnahme belegen. Die Umgebung, das, was von der Location noch auf dem Bild zu sehen ist, wird in einen Kontext gesetzt. Wo spielt der Moment? Welches Licht wirkt auf die Szene? Hinzu kommt die Kleidung des Menschen. Was trägt die Person an Kleidung, welche Farbe, welche Form hat sie, ist sie uniformiert und gibt die Kleidung eine Zugehörigkeit der Person zu einer definierten Gruppe der Gesellschaft preis? Auch die Art des Stylings, das Haar und das Makeup begleiten die Bildaussage in ihre Richtung.

 

Und zu guter letzt möchte ich auf die Pose kommen, um die es hier im Artikel schließlich gehen soll. Wie wir die Körperhaltung wahrnehmen, wie wir sie empfinden, was sie in uns auslöst, was sie uns als Botschaft vermittelt, liegt neben der beabsichtigten Aussage ganz wesentlich in uns selbst.

 

Wie lässt sich die Situation auf der Aufnahme für uns Betrachter erschließen? Der Mensch versucht etwas zu erklären, er gleicht die Situation der Aufnahme mit seinen eigenen Erfahrungen ab und versucht sie in Deckung bringen.

 

Mannigfaltige Einflüsse gehen dabei auf uns nieder, bringt doch jeder Mensch sein individuelles Repertoire an Erfahrungen mit sich. Dabei geht das Verständnis von Portrait schon sehr weit auseinander. Für den einen bedeutet Portrait die klassische Gesichtsaufnahme mit vielleicht noch einem kleinen Ausschnitt des Torso. Für andere kann die Abbildung des gesamten Körpers kein Widerspruch zum Genre des Portrait heißen, sobald das Gesicht der abgebildeten Person wie auch ihr Ausdruck zu erkennen ist.

 

Bedeutet es aber Ablenkung vom Wesentlichen, wenn auf einer Aufnahme mehr zu sehen ist, als das Gesicht als Motiv und sein Ausdruck? Beschränken die zusätzlichen Informationen von Kleidung, Styling, Location und Pose des Körpers die möglichen Interpretationen einer reinen Gesichtsaufnahme, überfrachten sie die Idee des Portrait?

 

Wieder liegt all das bei jedem Bild und jeder Idee, die dahinter steckt und lässt sich nur persönlich beantworten. Mimik und Ausdruck können unendlich vielfältig sein und werden vielleicht vervielfacht durch mehr Informationen und einen weiteren Bildausschnitt, oder eben überfrachtet. Die Idee und manchmal auch eine Erläuterung durch Beschreibung oder Titel kann hilfreich sein. Beschneiden oder näher herangehen entscheidet sich mit dem, was ich mit einem Bild aussagen möchte.